NtAF02 · Need to Act Fast
Ambiguity Effect
Beispiel
Sarah möchte für ihre Altersvorsorge investieren und vergleicht zwei Investmentfonds. Fonds A ist ein etablierter, traditioneller Aktienfonds mit 15 Jahren Geschäftshistorie. Die durchschnittliche jährliche Rendite der letzten 15 Jahre lag bei 6,2%, mit detaillierten Schwankungsbreiten und Quartalsberichten. Alle Informationen sind transparent verfügbar, und Sarah kann genau nachvollziehen, wie sich der Fonds in verschiedenen Marktphasen verhalten hat. Fonds B ist ein innovativer Fonds, der in zukunftsorientierte Technologien investiert. Der Fonds existiert erst seit zwei Jahren, weshalb nur begrenzte Performancedaten vorliegen. Die bisherige Rendite sieht vielversprechend aus, aber es gibt keine langfristige Statistik. Der Fondsmanager hat einen exzellenten Ruf, doch die genaue Zusammensetzung des Portfolios ändert sich dynamisch und ist nicht vollständig transparent. Experten schätzen das langfristige Potenzial als mindestens gleichwertig zu Fonds A ein, doch konkrete Wahrscheinlichkeiten lassen sich nicht berechnen. Obwohl beide Fonds ähnliche oder sogar identische Erfolgschancen haben könnten, entscheidet sich Sarah für Fonds A. Die klaren, nachvollziehbaren Daten geben ihr ein Gefühl von Sicherheit. Bei Fonds B fühlt sie sich unwohl, weil sie die Risiken nicht genau einschätzen kann – auch wenn objektive Analysten beiden Fonds ähnliche Chancen zuschreiben.
Was ist dieser Effekt?
Der Ambiguity Effect beschreibt die Tendenz von Menschen, Optionen mit bekannten Wahrscheinlichkeiten gegenüber Optionen mit unbekannten Wahrscheinlichkeiten zu bevorzugen, selbst wenn die tatsächlichen Erfolgschancen identisch oder sogar günstiger sein könnten. Wir fühlen uns unwohl bei fehlenden Informationen und meiden Entscheidungen, bei denen wir die Erfolgswahrscheinlichkeit nicht genau berechnen können. Diese Aversion gegen Ambiguität unterscheidet sich von normaler Risikoaversion: Es geht nicht um die Höhe des Risikos, sondern um die Unsicherheit über das Risiko selbst. Unser Gehirn bevorzugt die Illusion von Kontrolle durch verfügbare Daten, auch wenn diese Daten keine objektiv bessere Wahl garantieren.
Warum ist das eine Verzerrung?
Das Problem bei Sarahs Entscheidung ist, dass sie sich möglicherweise eine chancenreiche Investition entgehen lässt, nur weil weniger historische Daten vorliegen. Fehlende Informationen bedeuten nicht automatisch ein höheres Risiko – manchmal sind neue oder innovative Optionen schlicht zu jung für umfangreiche Statistiken, obwohl ihr fundamentales Potenzial ausgezeichnet ist. Indem Sarah systematisch alle Optionen mit unvollständigen Informationen ausschließt, beschränkt sie ihr Entscheidungsfeld unnötig und könnte langfristig schlechter abschneiden als jemand, der auch bei Ambiguität rational abwägt. Die Verzerrung führt zu übermäßiger Vorsicht und verhindert, dass wir Chancen nutzen, nur weil wir sie nicht perfekt quantifizieren können.