NEM11 · Not Enough Meaning
Conservatism Bias
Beispiel
Frau Müller ist seit 20 Jahren Stammkundin bei ihrer Hausbank und überzeugt, dass diese die besten Konditionen bietet. Ihr Sohn zeigt ihr Vergleichsrechner im Internet: "Mama, schau – bei fünf anderen Banken bekommst du höhere Zinsen, niedrigere Gebühren und besseren Service. Das sind eindeutige Fakten." Frau Müller studiert die Zahlen und gibt zu: "Ja, das sieht tatsächlich besser aus." Doch Wochen später fragt ihr Sohn: "Hast du gewechselt?" Sie antwortet: "Ach, ich bin mir noch nicht ganz sicher. Meine Bank ist vielleicht doch nicht so schlecht. Die kenne ich wenigstens." Der Sohn seufzt: "Aber die Beweise sind doch eindeutig!" Frau Müller bleibt bei ihrer Bank. Sie hat die neue Information zwar zur Kenntnis genommen und ihre Meinung minimal angepasst, aber bei weitem nicht in dem Ausmaß, wie es die Beweise rechtfertigen würden.
Was ist dieser Effekt?
Conservatism Bias bezeichnet die kognitive Tendenz, eigene Überzeugungen zu langsam und unzureichend zu aktualisieren, wenn neue Beweise vorliegen. Menschen passen ihre Meinungen zwar an neue Informationen an, aber deutlich weniger, als es die bayessche Statistik nahelegen würde. Der psychologische Forscher Ward Edwards zeigte, dass Menschen neue Evidenz systematisch unter-gewichten und zu stark an ihren ursprünglichen Annahmen festhalten. Diese mentale Trägheit entsteht durch den Ankereffekt: Die ursprüngliche Überzeugung wirkt als Anker, von dem man sich nur schwer lösen kann.
Warum ist das eine Verzerrung?
Diese Verzerrung verhindert rationale Entscheidungsfindung und Anpassung an veränderte Realitäten. Wenn klare Beweise eine Überzeugung widerlegen, sollte man seine Meinung entsprechend stark anpassen. Der Conservatism Bias führt dazu, dass Menschen an überholten Ansichten festhalten, selbst wenn die Faktenlage eindeutig ist. In der Finanzwelt halten Anleger zu lange an verlustreichen Investitionen fest, in der Medizin widerstehen Ärzte neuen Behandlungsmethoden trotz besserer Evidenz, und in persönlichen Beziehungen bleiben Menschen bei schädlichen Überzeugungen. Die unzureichende Gewichtung neuer Informationen kostet Chancen und führt zu suboptimalen Entscheidungen.