NEM14 · Not Enough Meaning
Curse of Knowledge
Beispiel
Professor Hartmann unterrichtet seit 15 Jahren Informatik. In seiner Vorlesung über Algorithmen erklärt er: "Und wie wir alle wissen, ist die Big-O-Notation trivial zu verstehen. Man nimmt einfach die dominante Wachstumsrate." Die Studenten im ersten Semester schauen sich verwirrt an. Ein Mutiger hebt die Hand: "Entschuldigung, was ist eine Wachstumsrate?" Professor Hartmann ist überrascht: "Das ist doch Grundwissen! Das solltet ihr aus der Schule kennen." Er überspringt die Erklärung und macht weiter. Nach der Vorlesung beschweren sich die Studenten: "Wir verstehen nur Bahnhof." Ein Kollege erklärt Professor Hartmann: "Du leidest unter dem Fluch des Wissens. Was für dich selbstverständlich ist, ist für Anfänger völlig neu. Du kannst dich nicht mehr daran erinnern, wie es war, nichts davon zu wissen." Professor Hartmann erkennt das Problem, aber selbst mit diesem Bewusstsein fällt es ihm extrem schwer, die Perspektive der Unwissenden einzunehmen.
Was ist dieser Effekt?
Der Curse of Knowledge ist ein kognitiver Bias, bei dem Personen mit spezialisiertem Wissen fälschlicherweise annehmen, dass andere dieses Wissen teilen. Experten können sich nicht mehr in die Perspektive von Laien versetzen, weil ihr Fachwissen für sie unsichtbar geworden ist – es fühlt sich so selbstverständlich an, dass sie nicht nachvollziehen können, wie es ist, es nicht zu besitzen. Das klassische Stanford-Experiment zeigte dies: Personen, die eine Melodie klopften, überschätzten massiv, wie viele Zuhörer das Lied erkennen würden. Die Melodie war im Kopf des Klopfenden so klar, dass er nicht verstehen konnte, warum andere nur rhythmische Muster hörten.
Warum ist das eine Verzerrung?
Diese Verzerrung behindert effektive Kommunikation, Lehre und Zusammenarbeit. Lehrer entwerfen Unterricht, der für sie logisch erscheint, aber die tatsächlichen Bedürfnisse der Lernenden verfehlt. Experten schreiben unverständliche Handbücher, weil sie nicht erkennen, welche Konzepte erklärt werden müssen. In Unternehmen können Manager nicht nachvollziehen, warum Mitarbeiter einfache Anweisungen nicht umsetzen. Besonders problematisch: Der Bias lässt sich nicht einfach durch Aufklärung beheben. Selbst wenn Menschen über den Effekt informiert werden oder finanzielle Anreize erhalten, können sie ihre verzerrte Perspektive kaum korrigieren. Das Wissen bleibt ein Fluch.