WSWR06 · What Should We Remember
Leveling and Sharpening
Beispiel
Nach einem Autounfall erzählt Klaus die Geschichte immer wieder: Zunächst berichtet er sachlich, dass er bei Regen einen Auffahrunfall hatte, weil der Vordermann plötzlich bremste. Eine Woche später bei der Versicherung klingt es schon dramatischer: "Der Typ ist wie eine Wand vor mir gestanden, null Vorwarnung!" Einen Monat später beim Stammtisch hat sich die Geschichte weiterentwickelt: "Ich sag euch, der Regen war so heftig, man konnte keine fünf Meter sehen! Und dieser Wahnsinnige bremst einfach voll durch auf der Autobahn - ich hab mein Leben vor mir ablaufen sehen!" Was Klaus bei all seinen Erzählungen weglässt (Leveling): Er selbst hatte zu wenig Abstand gehalten und aufs Handy geschaut. Was er hinzufügt (Sharpening): immer dramatischere Wetter- und Geschwindigkeitsbeschreibungen, die emotionale Belastung, die heroischen Ausweichmanöver. Klaus lügt nicht bewusst - sein Gedächtnis hat die Geschichte automatisch so umgeformt, dass sie spannender zu erzählen ist und ihn selbst in besserem Licht erscheinen lässt.
Was ist dieser Effekt?
Leveling und Sharpening sind zwei automatische Gedächtnisfunktionen, die verzerren, wie wir Geschichten erinnern und weitererzählen. Sharpening bezeichnet das unbewusste Ausschmücken von Erzählungen mit lebendigen Details, die nicht unbedingt im Original vorhanden waren - Menschen fügen dramatische Elemente oder Betonungen hinzu, um die Geschichte packender zu machen. Leveling ist der gegenteilige Prozess: das Weglassen oder Minimieren bestimmter Elemente der ursprünglichen Geschichte. Details werden ausgelassen oder abgeschwächt, Ereignisse vereinfacht oder verändert, um die Erzählung leichter erinnerbar und erzählbar zu machen.
Warum ist das eine Verzerrung?
Diese Prozesse führen dazu, dass Erinnerungen mit jeder Wiedererzählung zunehmend von der ursprünglichen Realität abweichen. Das Problem ist, dass diese Veränderungen unbewusst und automatisch geschehen - wir bemerken nicht, wie wir die Geschichte umformen. In psychologischen Studien seit 1945 wurde dokumentiert, wie Menschen beim Nacherzählen von Geschichten fiktionale Dialoge und dramatische Charakterisierungen hinzufügen (Sharpening), während spezifische faktische Details weggelassen werden (Leveling). Dies macht menschliche Erinnerungen zunehmend unzuverlässig als historische Quellen und kann zu Konflikten führen, wenn verschiedene Menschen sich an "dasselbe" Ereignis völlig unterschiedlich erinnern - jeder hat die Geschichte auf seine eigene Art geformt und geschärft.