WSWR09 · What Should We Remember
Misinformation Bias
Beispiel
Anna ist Zeugin eines Verkehrsunfalls: Ein blaues Auto biegt ab und touchiert ein geparktes rotes Fahrzeug. Sie ist sich sicher, dass sie das genau gesehen hat. Bei der polizeilichen Befragung zwei Tage später erwähnt der Beamte nebenbei: "Also, der schwarze Wagen, der da abgebogen ist..." Anna korrigiert nicht, weil sie unsicher wird. Eine Woche später spricht sie mit einer anderen Zeugin, die behauptet: "Der Wagen hat doch vor dem Abbiegen geblinkt, oder?" Anna ist verwirrt - hatte er geblinkt? Bei der offiziellen Zeugenaussage vier Wochen nach dem Unfall beschreibt Anna einen "dunkelgrauen oder schwarzen Wagen, der geblinkt hat" - obwohl sie ursprünglich einen blauen Wagen ohne Blinker gesehen hatte. Die nachträglichen Informationen aus dem Polizeigespräch und der Unterhaltung mit der anderen Zeugin haben ihre ursprüngliche Erinnerung überschrieben. Sie ist fest überzeugt von ihrer "Erinnerung", kann aber nicht mehr unterscheiden, was sie tatsächlich gesehen hat und was ihr nachträglich suggeriert wurde.
Was ist dieser Effekt?
Der Misinformation Effect tritt auf, wenn die Erinnerung einer Person an episodische Ereignisse durch nachträgliche Informationen weniger akkurat wird. Irreführende Details, die nach einem Ereignis präsentiert werden, verzerren rückwirkend das, was Menschen sich tatsächlich erinnern. Dies geschieht durch zwei Mechanismen: Die Blending-Theorie besagt, dass Original- und Falschinformation in der Erinnerung verschmelzen und ununterscheidbar werden. Die Overwriting-Theorie argumentiert, dass die falsche Information die akkurate Originalerinnerung komplett ersetzt. Ein Schlüsselmechanismus ist die Quellenfehlattribution - Menschen integrieren die falsche Information in ihre Erinnerung an das tatsächliche Ereignis und vergessen, woher das irreführende Detail eigentlich stammt.
Warum ist das eine Verzerrung?
Die Verzerrung ist besonders problematisch, weil die irreführende Information oft leichter abrufbar ist als die ursprüngliche Erinnerung - sie ist die aktuellste Information und wird bevorzugt abgerufen. Menschen bemerken häufig nicht, wenn neue Informationen mit ihren eigenen Erinnerungen in Konflikt stehen, und übernehmen dann die falschen Details als Wahrheit. Dies hat dramatische Konsequenzen im Rechtssystem: Gespräche mit anderen Zeugen, suggestive Polizeibefragungen und Gerichtsverfahren schaffen alle Gelegenheiten, bei denen falsche Informationen echte Erinnerungen kontaminieren können. Dies kann zu Fehlurteilen auf Basis von korrumptierten Erinnerungen führen. Die Überzeugung von Zeugen sagt dabei nichts über die Akkuratheit ihrer Aussage aus - sie können völlig sicher sein und dennoch völlig falsch liegen.