Alle Biases

WSWR11 · What Should We Remember

Next-in-Line Effect

Recall

Beispiel

In einem Teammeeting sollen alle Teilnehmer reihum ihre Wochenziele vorstellen. Thomas sitzt in der Runde und wartet auf seinen Einsatz. Die Kollegin vor ihm, Sandra, berichtet gerade ausführlich über ihr Projekt zur Prozessoptimierung und die Herausforderungen mit dem IT-System. Thomas hört mit - oder glaubt zumindest zuzuhören - aber innerlich probt er bereits seine eigene Präsentation: "Soll ich zuerst die Kundenzufriedenheit oder die Verkaufszahlen erwähnen? Wie formuliere ich das Problem mit der Logistik diplomatisch?" Als er an der Reihe ist, präsentiert er souverän. Eine Stunde später im Einzelgespräch fragt ihn sein Chef: "Was hat Sandra eigentlich zu ihrem IT-Problem gesagt? Du hast direkt danach präsentiert, du müsstest dich doch erinnern." Thomas ist perplex - er hat absolut keine klare Erinnerung an Sandras Beitrag, obwohl er direkt zugehört hat. Das liegt nicht an Nervosität, sondern am Next-in-Line Effect: Seine kognitiven Ressourcen waren mit der Vorbereitung seiner eigenen Performance beschäftigt, sodass Sandras Information nie richtig in sein Langzeitgedächtnis kodiert wurde.

Was ist dieser Effekt?

Der Next-in-Line Effect beschreibt, warum Menschen Schwierigkeiten haben, sich an Informationen aus Ereignissen zu erinnern, die unmittelbar vor ihrer eigenen Leistung stattfinden. Der Mechanismus basiert auf Enkodierungsdefiziten: Die Information wird nie ins Langzeitgedächtnis übertragen und kann daher später nicht abgerufen werden. Wenn Menschen ihre bevorstehende Performance antizipieren, richten sie ihre kognitiven Ressourcen auf die Vorbereitung ihrer eigenen Leistung, anstatt den umgebenden Ereignissen Aufmerksamkeit zu schenken. Diese mentale Vorbereitung stört den Enkodierungsprozess für Information, die im neun-Sekunden-Fenster vor dem eigenen Auftritt auftritt.

Warum ist das eine Verzerrung?

Das Überraschende ist, dass dieser Effekt nicht durch Angst verursacht wird - sowohl Menschen mit niedrigeren als auch höheren Angstniveaus zeigen das Gedächtnisdefizit. Es ist ein universelles kognitives Phänomen. Die Verzerrung führt dazu, dass in Gruppensituationen systematisch Information verloren geht: Jeder Teilnehmer verpasst, was unmittelbar vor ihm gesagt wurde. In Meetings, Unterricht oder Diskussionen entsteht so eine Kette von Aufmerksamkeitslücken. Menschen sind sich dessen meist nicht bewusst und überschätzen, wie gut sie "zugehört" haben. Interessanterweise kann der Effekt eliminiert oder sogar umgekehrt werden, wenn Teilnehmer vorher instruiert werden, sich bewusst auf vorhergehende Ereignisse zu konzentrieren - was zeigt, dass bewusste Aufmerksamkeit diese automatische Gedächtnisschwäche überwinden kann.

Quellen