NtAF27 · Need to Act Fast
Optimism Bias
Beispiel
Lisa plant ihre Bachelorarbeit und rechnet fest damit, dass sie diese in sechs Wochen fertigstellen kann. Sie hat das Thema bereits im Kopf, die Literatur scheint überschaubar, und sie ist motiviert. Ihre Betreuerin warnt sie, dass die meisten Studierenden mindestens drei Monate brauchen, aber Lisa denkt: "Die anderen haben halt nicht so gut geplant wie ich. Ich arbeite strukturiert und bin gut organisiert." Sie beginnt optimistisch, doch schon in der ersten Woche merkt sie, dass die Literaturrecherche komplexer ist als gedacht. Einige wichtige Quellen sind nur über Fernleihe verfügbar und brauchen zwei Wochen. In der dritten Woche wird sie krank und verliert fast eine Woche Arbeitszeit. Dann stellt sich heraus, dass ihre erste Gliederung nicht funktioniert und sie umstrukturieren muss. Am Ende braucht Lisa tatsächlich drei Monate und muss in den letzten Wochen enormen Stress bewältigen, weil sie keinen zeitlichen Puffer eingeplant hatte. Gleichzeitig ist Lisa überzeugt, dass sie – anders als ihre Kommilitonen – keine Probleme mit dem Berufseinstieg haben wird. Sie sieht die Statistiken über Schwierigkeiten bei der Jobsuche, denkt aber: "Das betrifft mich nicht. Ich habe gute Noten und bin engagiert." Sie bereitet sich kaum auf Bewerbungsgespräche vor und ist dann überrascht, als sie mehrere Absagen erhält.
Was ist dieser Effekt?
Der Optimism Bias beschreibt unsere Tendenz, die Wahrscheinlichkeit positiver Ereignisse für uns selbst zu überschätzen und gleichzeitig negative Ereignisse zu unterschätzen. Wir glauben systematisch, dass uns gute Dinge eher passieren werden als anderen Menschen, während wir weniger anfällig für Risiken, Verzögerungen oder Probleme sind. Diese Verzerrung betrifft nicht nur einzelne Entscheidungen, sondern färbt unsere gesamte Zukunftsplanung ein – von Gesundheitsrisiken über Projektzeiten bis zu Karriereerwartungen. Interessanterweise bleibt dieser Bias selbst dann bestehen, wenn wir mit statistischen Daten konfrontiert werden, die das Gegenteil zeigen.
Warum ist das eine Verzerrung?
Der Optimism Bias führt dazu, dass wir systematisch unzureichend planen und uns nicht ausreichend gegen Risiken absichern. Lisa hätte mit einem realistischeren Zeitplan einen Puffer eingebaut und sich besser auf mögliche Verzögerungen vorbereitet. Ihre Überzeugung, immun gegen die üblichen Probleme zu sein, basiert nicht auf objektiven Unterschieden zu anderen, sondern auf einer verzerrten Selbstwahrnehmung. Das Problem ist besonders tückisch, weil wir diese Verzerrung nur schwer erkennen können – schließlich fühlt sich unser Optimismus rational und begründet an, während wir bei anderen Menschen denselben unrealistischen Optimismus oft leicht identifizieren können. Diese Asymmetrie macht den Bias so persistent und schwer zu korrigieren.