NEM45 · Not Enough Meaning
Pro Innovation Bias
Beispiel
Im Jahr 2010 sind die Entwickler eines Tech-Startups überzeugt, dass ihre neue App "die Art und Weise, wie Menschen kommunizieren, revolutionieren wird." Sie ignorieren kritische Stimmen, die auf Datenschutzprobleme und mangelnde Nutzerfreundlichkeit hinweisen: "Die werden das schon verstehen, sobald sie die Vorteile sehen." Sie investieren Millionen in Marketing und Skalierung. Nach zwei Jahren nutzen 98 Prozent der Anwender die App nicht mehr - sie war zu kompliziert, zu invasiv und löste kein reales Problem. Die Gründer sind schockiert: "Aber die Technologie war doch brillant!" Sie übersahen, dass Innovation an sich keinen Wert hat - nur Innovation, die tatsächliche Bedürfnisse erfüllt und von Menschen akzeptiert wird. Ihre Überzeugung, dass jede technische Neuerung automatisch Erfolg haben müsse, hatte sie blind gemacht für legitime Schwächen.
Was ist dieser Effekt?
Pro Innovation Bias beschreibt die Überzeugung, dass Innovationen von der Gesellschaft übernommen werden sollten, oft ohne kritische Prüfung ihrer Schwächen, Nebenwirkungen oder Grenzen. Befürworter einer Innovation können so voreingenommen sein, dass sie deren Probleme übersehen, unterschätzen oder aktiv leugnen. Die Euphorie für das Neue überlagert rationale Bewertung. Ein historisches Beispiel ist die Atomic-Age-Euphorie der 1950er Jahre: Man glaubte, Atomkraft würde alle Energieprobleme lösen und eine Zukunft voller "Frieden und Überfluss" schaffen - Sicherheitsbedenken und praktische Grenzen wurden ignoriert.
Warum ist das eine Verzerrung?
Diese Denkweise ist problematisch, weil nicht jede Innovation automatisch vorteilhaft oder gesellschaftlich wünschenswert ist. Der Bias führt dazu, dass Risiken, Nebenwirkungen und Implementierungsprobleme systematisch unterschätzt werden. Ressourcen werden in Technologien investiert, die reale Probleme nicht lösen oder neue schaffen. Die unkritische Innovations-Euphorie kann zu gescheiterten Projekten, Fehlinvestitionen und unbeabsichtigten negativen Folgen führen. Die Verzerrung zeigt sich auch in Vorhersagen wie der "papierlosen Gesellschaft bis 2000" - technische Möglichkeit wird mit gesellschaftlicher Akzeptanz und praktischer Umsetzbarkeit verwechselt. Kritische Bewertung wird als rückständig abgetan, obwohl sie oft berechtigt ist.