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NEM48 · Not Enough Meaning

Recency Illusion

IllusionPerception

Beispiel

Markus beschwert sich bei seiner Tochter über die moderne Sprache: "Dieses ständige 'Ich bin am Arbeiten' statt 'Ich arbeite' - das ist so eine neue Unsitte der Jugend! Früher hat man das nicht gesagt!" Seine Tochter recherchiert und findet heraus, dass diese Verlaufsform im Deutschen bereits seit dem Mittelalter regional verwendet wird und in sprachwissenschaftlichen Texten aus dem 19. Jahrhundert dokumentiert ist. Markus ist verblüfft. Er hatte die Konstruktion erst vor einem Jahr zum ersten Mal bewusst wahrgenommen und seither meint er, sie überall zu hören. Sein Gehirn schloss daraus: "Das muss neu sein." Tatsächlich ist das Phänomen alt - nur seine Aufmerksamkeit dafür ist neu. Ähnlich empört er sich über "literally" als Verstärkung ("Das war literally amazing") - auch das gibt es seit den 1760er Jahren.

Was ist dieser Effekt?

Die Recency Illusion ist der Irrglaube, dass etwas neu sein muss, nur weil man gerade erst bewusst davon erfahren hat. Der Linguist Arnold Zwicky definierte sie als "den Glauben, dass Dinge, die man erst kürzlich bemerkt hat, tatsächlich neu sind." Die Ursache liegt in selektiver Aufmerksamkeit: Sobald wir etwas zum ersten Mal bewusst wahrnehmen, scheint es plötzlich überall zu sein. Wir schließen daraus fälschlicherweise, es sei erst kürzlich entstanden. Das Phänomen existierte aber schon lange - nur unsere Wahrnehmung ist neu. Dies betrifft besonders Sprache, aber auch Trends, Produkte und kulturelle Phänomene.

Warum ist das eine Verzerrung?

Diese Wahrnehmung verzerrt unser Verständnis von Veränderung und Tradition, weil wir Kontinuität als Innovation missdeuten. Menschen beklagen "moderne" Entwicklungen, die tatsächlich jahrhundertealt sind, oder feiern "neue" Trends, die nur Wiederentdeckungen sind. Die Verzerrung führt zu kulturpessimistischen Fehlurteilen ("die Sprache/Kultur verfällt") und verhindert historisches Verständnis. Sie zeigt, wie sehr unsere subjektive Erfahrung ("ich habe es gerade erst bemerkt") mit objektiver Realität ("wann ist es entstanden") verwechselt wird. Die Illusion wird durch das Internet verstärkt, wo virale Phänomene plötzlich omnipräsent erscheinen, obwohl sie oft schon lange existierten.

Quellen