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NEM54 · Not Enough Meaning

Telescoping Effect

TimePerception

Beispiel

Die Polizei befragt Anwohner zu einer Straftat, die sich vor genau drei Jahren ereignete. Viele Zeugen sagen: "Das war doch erst vor einem Jahr! Ich erinnere mich genau, es war kurz nach Weihnachten." Die Befragten sind überzeugt, dass das Ereignis viel näher an der Gegenwart liegt, als es tatsächlich ist. Paradoxerweise berichten dieselben Menschen über ein Ereignis von vor zwei Monaten: "Das muss mindestens ein halbes Jahr her sein." Ihr zeitliches Gedächtnis ist verzerrt: Weit zurückliegende Ereignisse erscheinen näher (Forward Telescoping), während jüngere Ereignisse weiter weg erscheinen (Backward Telescoping). Ein berühmter Fall: Als der niederländische Verbrecher Ferdi Elsas aus dem Gefängnis entlassen wurde, war die Öffentlichkeit empört - nicht über die Entlassung an sich, sondern weil man glaubte, er sei noch nicht lange genug gesessen. Seine Inhaftierung lag weiter zurück, als die meisten dachten.

Was ist dieser Effekt?

Der Telescoping Effect beschreibt die systematische Verzerrung bei der zeitlichen Einordnung von Ereignissen. Menschen unterschätzen, wie lange zurückliegende Ereignisse tatsächlich vergangen sind (Forward Telescoping: ferne Ereignisse erscheinen näher), und überschätzen, wie lange jüngere Ereignisse zurückliegen (Backward Telescoping: nahe Ereignisse erscheinen ferner). Der Name kommt von der Vorstellung, durch ein Teleskop zu schauen: Distanzen werden verzerrt wahrgenommen. Der Effekt beeinträchtigt Erinnerungen an Käufe, Krankheiten, Verbrechen und persönliche Ereignisse erheblich.

Warum ist das eine Verzerrung?

Diese zeitliche Verzerrung führt zu falschen Schlüssen über Häufigkeiten, Muster und Kausalzusammenhänge. In Marktforschung berichten Menschen fälschlicherweise über Käufe: Sie datieren alte Käufe zu neu (überschätzen Kauffrequenz) oder neue zu alt (unterschätzen Produktlebensdauer). In medizinischen Befragungen werden Krankheitshäufigkeiten verzerrt eingeschätzt. Bei juristischen Zeugenaussagen werden Zeitangaben unzuverlässig. Die Verzerrung zeigt, dass unser Zeitgedächtnis nicht wie eine objektive Uhr funktioniert, sondern aktiv konstruiert und systematisch fehlerhaft ist. Dies untergräbt die Zuverlässigkeit von Erinnerungen in allen zeitabhängigen Kontexten und zeigt die Grenzen introspektiver Daten.

Quellen