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NtAF12 · Need to Act Fast

Egocentric Bias

Responsibility

Beispiel

Ein Team von fünf Personen arbeitet drei Monate lang an einem wichtigen Projekt für einen Großkunden. Kurz nach der erfolgreichen Präsentation führt die Projektleiterin ein Feedback-Gespräch, in dem sie jedes Teammitglied bittet, den eigenen Beitrag zum Projekterfolg prozentual einzuschätzen. Der Entwickler schätzt seinen Anteil auf 40%, da er die technische Umsetzung geleistet hat und zahlreiche Überstunden gemacht hat. Die Designerin gibt 35% an, weil sie das gesamte visuelle Konzept entwickelt und mehrfach überarbeitet hat. Der Projektmanager sieht seinen Beitrag bei 45%, da er alle Termine koordiniert und die Kundenbeziehung gepflegt hat. Die Analystin schätzt ihren Anteil auf 30%, weil sie die entscheidenden Datenauswertungen geliefert hat. Der Content-Writer kommt auf 25%, da er alle Texte verfasst und mehrmals angepasst hat. Als die Projektleiterin die Zahlen addiert, kommt sie auf 175% – mathematisch unmöglich. Jedes Teammitglied hat seine eigene Leistung überbewertet, weil es die eigenen Anstrengungen, schlaflosen Nächte und gelösten Probleme viel präsenter im Gedächtnis hat als die der Kollegen. Die stillen Beiträge der anderen – die E-Mails am Wochenende, die Problemlösungen im Hintergrund, die kleinen Unterstützungen – wurden kaum wahrgenommen oder schnell vergessen.

Was ist dieser Effekt?

Der Egocentric Bias beschreibt unsere Tendenz, uns zu stark auf die eigene Perspektive zu verlassen und die eigene Rolle in Ereignissen zu überschätzen. Wir erinnern uns besonders gut an unsere eigenen Beiträge und Anstrengungen, weil diese für uns persönlich relevant sind und emotional aufgeladen im Gedächtnis gespeichert werden. Gleichzeitig haben wir keinen direkten Zugang zu den Gedanken, Gefühlen und Anstrengungen anderer Menschen, wodurch deren Beiträge für uns weniger sichtbar und weniger erinnerungswürdig sind. Diese egozentrische Speicherung von Erinnerungen führt dazu, dass wir systematisch unseren eigenen Anteil an gemeinsamen Erfolgen, aber auch an Misserfolgen, überbewerten.

Warum ist das eine Verzerrung?

Diese Verzerrung ist problematisch, weil sie zu unrealistischen Selbsteinschätzungen und zwischenmenschlichen Konflikten führt. In Teams entstehen Spannungen, wenn alle Mitglieder ihre Leistungen überschätzen und sich nicht ausreichend gewürdigt fühlen, obwohl objektiv betrachtet ihre Beiträge angemessen bewertet wurden. Die Unfähigkeit, die Perspektive anderer einzunehmen, führt zu mangelnder Wertschätzung für fremde Leistungen und kann Zusammenarbeit nachhaltig belasten. Zudem behindert der Egocentric Bias eine realistische Selbstreflexion, da wir unsere eigenen Fehler und Versäumnisse genauso überschätzen wie unsere Erfolge – wir erleben uns selbst als zentraler für Ereignisse, als wir tatsächlich sind.

Quellen