NtAF13 · Need to Act Fast
Endowment Effect
Beispiel
Lisa hat vor drei Jahren ein gebrauchtes Fahrrad für 300 Euro gekauft. Sie ist damit zur Arbeit gefahren und hat damit einige schöne Ausflüge gemacht. Jetzt möchte sie umziehen und überlegt, das Fahrrad zu verkaufen. Sie recherchiert online und sieht, dass vergleichbare Fahrräder in ähnlichem Zustand für etwa 150 Euro angeboten werden. Einige Interessenten melden sich und bieten ihr 140 bis 160 Euro. Doch Lisa fühlt sich unwohl bei dem Gedanken, ihr Fahrrad für diesen Preis herzugeben. Sie erinnert sich an die Momente, als sie damit durch den Stadtpark gefahren ist, an die Reparatur, die sie selbst durchgeführt hat, und daran, wie vertraut ihr der Sattel und die Gangschaltung geworden sind. Sie setzt den Preis bei 280 Euro an und lehnt mehrere realistische Angebote ab. Nach drei Monaten steht das Fahrrad immer noch in ihrem Keller. Ein Nachbar bietet ihr an, dass sie sein baugleiches Fahrrad für 150 Euro kaufen könne, falls ihr eigenes verkauft wird. Lisa findet 150 Euro einen völlig angemessenen Preis für das Fahrrad des Nachbarn, während sie gleichzeitig immer noch nicht bereit ist, ihr eigenes unter 250 Euro abzugeben. Objektiv betrachtet sind beide Fahrräder nahezu identisch in Marke, Alter und Zustand.
Was ist dieser Effekt?
Der Endowment Effect beschreibt das Phänomen, dass Menschen Dingen, die sie besitzen, einen höheren Wert zuschreiben als identischen Dingen, die sie nicht besitzen. Sobald ein Gegenstand in unseren Besitz übergeht, wird er subjektiv wertvoller. Der Preis, den wir bereit sind zu akzeptieren, um etwas herzugeben (Verkaufspreis), liegt deutlich über dem Preis, den wir zahlen würden, um dasselbe zu erwerben (Kaufpreis). Diese Diskrepanz entsteht durch emotionale Bindung, Verlustangst und die psychologische Verschmelzung des Objekts mit unserer Identität. Der Effekt tritt selbst bei kurzfristigem Besitz und bei Gegenständen ohne besonderen persönlichen Wert auf.
Warum ist das eine Verzerrung?
Die Bewertung eines Objekts sollte sich an seinem objektiven Marktwert und Nutzen orientieren, nicht daran, ob man es zufällig gerade besitzt. Lisas Fahrrad ist nicht objektiv mehr wert als das baugleiche Fahrrad ihres Nachbarn, nur weil es ihr gehört. Durch die überhöhte Preisvorstellung verhindert sie einen Verkauf, der beiden Seiten nützen würde, und blockiert damit eine wirtschaftlich sinnvolle Transaktion. Diese irrationale Überbewertung führt dazu, dass Besitz länger gehalten wird als rational sinnvoll, dass Verhandlungen scheitern und dass Ressourcen nicht dorthin fließen, wo sie den größten Nutzen stiften würden. Der Endowment Effect verzerrt unsere Entscheidungsfindung, indem er den Status Quo künstlich attraktiver erscheinen lässt als er tatsächlich ist.