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NtAF22 · Need to Act Fast

Illusory Superiority

EstimationDesirability

Beispiel

Lisa ist seit drei Jahren im Marketing tätig und arbeitet in einem Team von acht Kolleginnen und Kollegen. Bei einer internen Umfrage zur Selbsteinschätzung gibt sie an, dass sie zu den drei besten Teammitgliedern gehört, was ihre Kreativität, Produktivität und Problemlösungsfähigkeiten betrifft. Auch bei der Frage nach ihren Präsentationsfähigkeiten stuft sie sich als "deutlich über dem Durchschnitt" ein. Interessanterweise geben bei derselben Umfrage sechs von acht Teammitgliedern an, ebenfalls zu den besten drei zu gehören. Alle bis auf eine Person schätzen ihre Fähigkeiten als überdurchschnittlich ein. Die Teamleitung ist überrascht von den Ergebnissen, denn die objektiven Leistungsdaten zeigen ein deutlich differenzierteres Bild: Einige Teammitglieder, die sich selbst als Spitzenperformer einschätzen, haben in den letzten Monaten wiederholt Deadlines verpasst oder Kampagnen mit unterdurchschnittlicher Performance abgeliefert. Lisa selbst ist eine solide Mitarbeiterin mit durchschnittlichen Ergebnissen, aber ihre Selbstwahrnehmung weicht stark von der Fremdwahrnehmung ab. Während sie glaubt, besonders kreative Ideen einzubringen, werden diese in Meetings oft nicht weiterverfolgt. Ihre Präsentationen sind ordentlich, aber nicht herausragend. Dennoch ist Lisa fest davon überzeugt, zu den Besten zu gehören und versteht nicht, warum sie bei der letzten Beförderungsrunde übergangen wurde.

Was ist dieser Effekt?

Illusory Superiority beschreibt die systematische Tendenz von Menschen, ihre eigenen Fähigkeiten, Qualitäten und Leistungen im Vergleich zu anderen zu überschätzen. Dieser Effekt tritt besonders stark bei subjektiv interpretierbaren Merkmalen auf wie Intelligenz, Fahrkönnen, soziale Kompetenz oder berufliche Leistung. Das Phänomen wird auch als "Lake Wobegon Effekt" bezeichnet, benannt nach einer fiktiven Stadt, in der "alle Kinder überdurchschnittlich" sind. Statistisch ist es natürlich unmöglich, dass die Mehrheit der Menschen in einer Gruppe überdurchschnittlich ist, doch genau diese irrationale Selbsteinschätzung ist charakteristisch für diesen Bias.

Warum ist das eine Verzerrung?

Die verzerrte Selbstwahrnehmung verhindert realistische Selbstreflexion und persönliche Weiterentwicklung. Wer sich für überdurchschnittlich kompetent hält, sieht keinen Grund, an seinen Fähigkeiten zu arbeiten oder Feedback anzunehmen. Dies führt zu einer Stagnation der eigenen Entwicklung und kann in beruflichen Kontexten zu Fehlentscheidungen führen, etwa wenn Menschen Aufgaben übernehmen, denen sie nicht gewachsen sind. Zudem entstehen zwischenmenschliche Konflikte, wenn die Selbsteinschätzung stark von der Fremdwahrnehmung abweicht und Menschen sich ungerecht behandelt fühlen, obwohl ihre objektive Leistung eine andere Bewertung rechtfertigt. In kritischen Situationen, etwa im Straßenverkehr, kann die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten sogar gefährlich werden.

Quellen