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NtAF32 · Need to Act Fast

Risk Compensation

RiskPerception

Beispiel

Sarah hat sich gerade einen neuen SUV mit modernster Sicherheitsausstattung gekauft: ABS, Spurhalteassistent, Notbremsassistent, Airbags überall und eine verstärkte Karosserie. In den ersten Wochen fährt sie wie gewohnt, fühlt sich aber durch die vielen Assistenzsysteme extrem sicher. Nach und nach beginnt sie, ihr Fahrverhalten anzupassen: Sie fährt etwas schneller auf der Autobahn, weil der Wagen sich so stabil anfühlt. Bei Regen hält sie weniger Abstand, schließlich hat ihr Auto ja ABS und einen Notbremsassistenten. Sie schaut häufiger aufs Smartphone, denn der Spurhalteassistent warnt sie ja, wenn sie von der Spur abkommt. Auf Landstraßen nimmt sie Kurven flotter, weil das Fahrzeug mit seinem niedrigen Schwerpunkt und der guten Bereifung so sicher in der Kurve liegt. Nach einem halben Jahr hat Sarah mehrere Beinahe-Unfälle gehabt: einmal hat der Notbremsassistent in letzter Sekunde eingegriffen, weil sie beim Blick aufs Handy nicht bemerkte, wie das Auto vor ihr abrupt bremste. Ein anderes Mal wäre sie bei Nässe beinahe ins Schleudern geraten, weil sie den Abstand unterschätzt hatte. Ironischerweise ist Sarahs Unfallrisiko trotz des deutlich sichereren Fahrzeugs kaum gesunken – sie hat die gewonnene Sicherheit durch riskanteres Verhalten wieder "aufgebraucht".

Was ist dieser Effekt?

Risk Compensation beschreibt die Tendenz von Menschen, ihr Verhalten an wahrgenommene Sicherheitsmaßnahmen anzupassen, indem sie bei erhöhter Sicherheit risikoreichere Handlungen vornehmen. Statt den vollen Nutzen einer Schutzmaßnahme zu genießen, gleichen Menschen die gewonnene Sicherheit durch weniger vorsichtiges Verhalten teilweise oder vollständig wieder aus. Sie halten unbewusst ein subjektives "Risiko-Gleichgewicht" aufrecht, bei dem sie bereit sind, ein bestimmtes persönliches Risikoniveau zu akzeptieren. Dieser Kompensationseffekt reduziert den Nettogewinn von Sicherheitsmaßnahmen erheblich und kann in extremen Fällen sogar dazu führen, dass das Gesamtrisiko steigt statt sinkt.

Warum ist das eine Verzerrung?

Die Verzerrung liegt darin, dass Menschen die Sicherheitsgewinne falsch bewerten und paradoxerweise durch riskanteres Verhalten zunichtemachen. Sicherheitsmaßnahmen werden eingeführt, um das absolute Risiko zu senken – doch wenn Menschen diese als "Risikobudget" betrachten, das sie anderweitig "ausgeben" können, verfehlen die Maßnahmen ihren Zweck. Sarah übersieht, dass Sicherheitssysteme als Notfallabsicherung konzipiert sind, nicht als Erlaubnis für riskanteres Verhalten. Zudem unterschätzt sie, dass Assistenzsysteme Grenzen haben und in manchen Situationen versagen können. Die Kompensation erfolgt oft unbewusst und graduell, sodass Betroffene nicht einmal bemerken, wie sie ihre Risikobereitschaft erhöhen – sie rationalisieren ihr Verhalten als "angemessene Nutzung" der verfügbaren Sicherheit, statt zu erkennen, dass sie damit den eigentlichen Sicherheitsgewinn untergraben.

Quellen