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NtAF39 · Need to Act Fast

Third-Person Effect

Communication

Beispiel

Lisa scrollt durch Social Media und stößt auf einen gesponserten Post für ein neues Fitness-Programm mit Vorher-Nachher-Bildern und emotionalen Erfolgsgeschichten. Während sie sich die Werbung ansieht, denkt sie bei sich: "So ein offensichtlicher Marketing-Trick. Mich beeinflusst das nicht, aber ich kann mir vovorstellen, wie viele Leute jetzt tatsächlich glauben, dass sie in vier Wochen genauso aussehen können." Am nächsten Tag sitzt Lisa mit ihrer Freundin Sarah im Café. Sarah erzählt begeistert von einer neuen Dokumentation über Verschwörungstheorien, die sie gesehen hat. "Erschreckend, wie schnell Menschen durch solche Videos manipuliert werden können", sagt Sarah kopfschüttelnd. Lisa stimmt zu: "Absolut. Vor allem jüngere Leute ohne kritisches Denken fallen darauf rein." Beide sind sich einig, dass sie selbst natürlich immun gegen solche Manipulationsversuche sind. Eine Woche später fällt Lisa auf, dass sie das Fitness-Programm recherchiert hat und ernsthaft überlegt, es zu kaufen. Sie rechtfertigt ihre Entscheidung damit, dass sie "sowieso schon länger nach etwas Passendem gesucht" habe und die Entscheidung "rein rational auf Basis der Fakten" treffe. Die Werbung selbst habe damit natürlich nichts zu tun. Gleichzeitig postet sie in einer WhatsApp-Gruppe einen Link zu einem Artikel über Desinformation mit dem Kommentar: "Unglaublich, wie leicht Menschen heute zu beeinflussen sind. Wir sollten wirklich strengere Regeln für Online-Werbung fordern."

Was ist dieser Effekt?

Der Third-Person Effect beschreibt die Tendenz von Menschen, den Einfluss von Medien und Werbung auf sich selbst systematisch zu unterschätzen, während sie gleichzeitig überschätzen, wie stark andere davon beeinflusst werden. Wir glauben, immun gegen Manipulation, Propaganda oder persuasive Botschaften zu sein, sehen aber in unseren Mitmenschen leichtgläubige Empfänger, die unkritisch alles übernehmen. Dieser Effekt ist besonders stark bei Inhalten, die wir als unerwünscht oder schädlich bewerten – etwa bei politischer Propaganda, Gewaltdarstellungen oder aggressiver Werbung. Paradoxerweise führt diese Wahrnehmung oft dazu, dass wir Zensurmaßnahmen befürworten, um "die anderen" vor negativen Einflüssen zu schützen, während wir für uns selbst keine solche Kontrolle für nötig halten.

Warum ist das eine Verzerrung?

Die Verzerrung liegt darin, dass wir unsere eigene Anfälligkeit für mediale Einflüsse systematisch falsch einschätzen. Während wir uns für rational und kritisch halten, sind wir tatsächlich genauso empfänglich für subtile Beeinflussungsstrategien wie die Menschen, die wir für leichtgläubig halten. Diese Selbstüberschätzung verhindert, dass wir unsere eigenen Entscheidungen kritisch hinterfragen und mediale Einflüsse auf unser Denken und Handeln erkennen. Besonders problematisch wird es, wenn wir aufgrund dieser Fehleinschätzung paternalistisch handeln und Einschränkungen oder Zensur für andere fordern, weil wir glauben, sie vor Einflüssen schützen zu müssen – während wir selbst unbewusst bereits beeinflusst wurden. Dieser Bias schützt unser Selbstbild als unabhängige, kritische Denker, macht uns aber blind für die realen Mechanismen, die unser Verhalten steuern.

Quellen