NtAF40 · Need to Act Fast
Trait Ascription Bias
Beispiel
Sarah arbeitet seit zwei Jahren im gleichen Büro wie ihr Kollege Thomas. In den letzten Wochen ist Sarah mehrfach zu spät zu Meetings gekommen. Sie weiß genau, warum: Letzte Woche hatte sie einen Zahnarzttermin, der länger dauerte als geplant. Vorletzte Woche musste sie dringend ein Paket abgeben, und gestern Morgen gab es einen Stau auf ihrer üblichen Route. Jedes Mal gab es einen guten, nachvollziehbaren Grund für ihre Verspätung. Thomas kommt ebenfalls ab und zu zu spät. Aber wenn Sarah an Thomas denkt, fällt ihr sofort ein: "Thomas ist einfach unpünktlich. Das ist seine Art." Sie sieht seine Unpünktlichkeit als festen Charakterzug, als Teil seiner Persönlichkeit. Die konkreten Umstände, die möglicherweise auch bei ihm eine Rolle spielen, berücksichtigt sie nicht. Als Sarah sich selbst reflektiert, empfindet sie sich als sehr flexibel und situationsabhängig: Manchmal ist sie gesellig, manchmal zurückhaltend - je nachdem, wie ihr Tag verlief. Sie sieht sich selbst nicht als "die Unpünktliche", sondern als jemanden, der normalerweise pünktlich ist, aber eben manchmal von äußeren Umständen aufgehalten wird. Bei Thomas hingegen denkt sie: "Der ist halt so." Sie schreibt ihm ein stabiles Persönlichkeitsmerkmal zu, während sie sich selbst als variabel und von Situationen abhängig wahrnimmt.
Was ist dieser Effekt?
Der Trait Ascription Bias beschreibt die Tendenz, sich selbst als flexibel und situationsabhängig wahrzunehmen, während wir andere Menschen als vorhersehbar und durch feste Charaktereigenschaften bestimmt betrachten. Wir erklären unser eigenes Verhalten durch äußere Umstände und Situationen, schreiben das Verhalten anderer aber stabilen inneren Persönlichkeitsmerkmalen zu. Diese Asymmetrie entsteht, weil wir Zugang zu unseren inneren Zuständen, Gedanken und situativen Zwängen haben, während uns diese Informationen bei anderen fehlen. Wir urteilen daher auf Basis des beobachtbaren Verhaltens und schließen daraus auf feste Charakterzüge.
Warum ist das eine Verzerrung?
Diese Wahrnehmung ist verzerrt, weil sie zu ungerechtfertigten und starren Urteilen über andere Menschen führt. Während wir uns selbst zugestehen, dass unser Verhalten von Umständen beeinflusst wird, verwehren wir anderen diese Differenziertheit und reduzieren sie auf einfache Persönlichkeitsschubladen. Dies fördert Stereotype, verhindert Empathie und führt zu unfairen Bewertungen im privaten wie beruflichen Kontext. Tatsächlich sind auch andere Menschen situationsabhängig und variabel in ihrem Verhalten - genau wie wir selbst. Der Bias hindert uns daran, dies zu erkennen und anderen die gleiche Komplexität zuzugestehen, die wir für uns selbst in Anspruch nehmen.