TMI31 · Too Much Information
Weber-Fechner Law
Beispiel
Ein Supermarkt testet Preiserhöhungen. Bei einem Joghurt, der bisher 0,50 Euro kostete, erhöhen sie den Preis um 10 Cent auf 0,60 Euro - eine Steigerung um 20 Prozent. Kunden sind empört: "Unverschämt! So eine massive Erhöhung!" Der Absatz bricht ein. Bei einem Kühlschrank, der bisher 500 Euro kostete, erhöhen sie den Preis um 50 Euro auf 550 Euro - objektiv fünfmal mehr als beim Joghurt, prozentual aber nur 10 Prozent. Die Kunden zucken mit den Schultern: "Naja, ein bisschen teurer, aber nicht dramatisch." Der Absatz bleibt stabil. Die absolute Erhöhung beim Kühlschrank ist viel größer, wird aber als weniger dramatisch wahrgenommen. Unser Gehirn reagiert nicht auf absolute Unterschiede, sondern auf relative Verhältnisse. Eine Erhöhung um 10 Cent fühlt sich bei 50 Cent wie eine Katastrophe an, bei 5 Euro würden wir sie kaum bemerken. Der Kontext bestimmt die Wahrnehmung mehr als die objektive Realität.
Was ist dieser Effekt?
Das Weber-Fechner Law beschreibt die Beziehung zwischen physischen Reizen und unserer Wahrnehmung: Um eine Veränderung zu bemerken, muss der Reiz um einen konstanten Prozentsatz zunehmen, nicht um einen absoluten Wert. Ein 100g-Gewicht, das um 5g erhöht wird, fühlt sich anders an - aber ein 200g-Gewicht, das um die gleichen 5g erhöht wird, fühlt sich unverändert an. Erst bei 10g (wieder 5%) bemerken wir den Unterschied. Fechners Ergänzung: Die wahrgenommene Intensität folgt einer logarithmischen Kurve - verdreifachen wir einen Reiz dreimal, wirkt jede Steigerung gleich stark, obwohl der physische Unterschied exponentiell wächst.
Warum ist das eine Verzerrung?
Dieses Gesetz zeigt eine fundamentale Schwäche unserer Wahrnehmung: Wir können absolute Werte nicht objektiv beurteilen. Unsere Bewertung hängt vollständig vom Kontext ab. Dies macht uns manipulierbar: Verkäufer präsentieren hohe Preise zuerst, damit moderate Preise günstig erscheinen. Gehaltssteigerungen von 1.000 Euro fühlen sich bei 30.000 Euro Grundgehalt großzügig an, bei 100.000 Euro lächerlich - obwohl der absolute Wert identisch ist. Wir treffen inkonsistente Entscheidungen, weil wir in Verhältnissen statt in Absolutwerten denken. Der Effekt zeigt, dass unsere Sinne uns keine objektive Realität präsentieren, sondern eine kontextabhängige Interpretation - was weitreichende Konsequenzen für alle Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozesse hat.