TMI05 · Too Much Information
Bias Blind Spot
Beispiel
Anna und Thomas arbeiten als Teamleiter in derselben Firma und diskutieren über die Besetzung einer wichtigen Position. Anna bevorzugt Kandidatin Sarah, die einen ähnlichen beruflichen Hintergrund wie sie selbst hat und ebenfalls aus einer größeren Stadt kommt. Thomas hingegen favorisiert Kandidat Michael, der wie er selbst Quereinsteiger ist und aus einer ländlichen Region stammt. Als Thomas Anna auf ihre Präferenz anspricht, verteidigt sie ihre Wahl energisch: "Ich habe mir beide Bewerbungen objektiv angeschaut. Sarah hat einfach die besseren Qualifikationen und mehr relevante Erfahrung. Du bevorzugst Michael doch nur, weil er wie du einen unkonventionellen Werdegang hat. Das ist ein klassischer Fall von Ähnlichkeitsbias!" Thomas ist empört: "Wie bitte? Ich treffe meine Entscheidungen auf Basis von Fakten und Potenzial. Du bist diejenige, die voreingenommen ist! Du siehst dich selbst in Sarah und deshalb findest du sie besser. Ich schaue mir beide Kandidaten vollkommen neutral an." Beide sind fest davon überzeugt, dass der jeweils andere voreingenommen urteilt, während sie selbst eine objektive Analyse durchgeführt haben. Anna reflektiert in Gedanken: "Ich habe beide Lebensläufe sorgfältig geprüft, alle Kriterien abgewogen und konnte keine voreingenommenen Gedanken bei mir feststellen. Thomas hingegen argumentiert emotional und kann offensichtlich nicht über seinen eigenen Schatten springen." Thomas denkt währenddessen genau dasselbe über Anna: "Ich habe rational alle Argumente abgewogen und in mich hineingehorcht – da ist keine Spur von Voreingenommenheit. Anna dagegen merkt gar nicht, wie sehr sie sich in Sarah wiedererkennt und deshalb parteiisch ist."
Was ist dieser Effekt?
Der Bias Blind Spot beschreibt die Tendenz, kognitive Verzerrungen bei anderen Menschen leicht zu erkennen, während man die eigenen Denkfehler übersieht oder leugnet. Menschen glauben, ihre eigenen Urteile seien objektiver und rationaler als die anderer, selbst wenn sie denselben mentalen Verzerrungen unterliegen. Dieser Effekt entsteht, weil wir bei anderen das beobachtbare Verhalten analysieren, während wir bei uns selbst nach innen schauen und unsere bewussten Gedanken prüfen. Da kognitive Verzerrungen aber überwiegend unbewusst wirken, führt diese Selbstreflexion zu der Illusion, frei von Vorurteilen zu sein. Interessanterweise zeigt die Forschung, dass über 85 Prozent der Menschen glauben, weniger voreingenommen zu sein als der Durchschnitt – was statistisch unmöglich ist.
Warum ist das eine Verzerrung?
Die Situation ist problematisch, weil beide Personen mit hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich von Ähnlichkeitsbias und anderen kognitiven Verzerrungen beeinflusst werden, dies aber jeweils nur beim anderen erkennen. Diese asymmetrische Wahrnehmung verhindert echte Selbstreflexion und konstruktive Lösungen. Wenn Anna und Thomas ihre eigenen möglichen Verzerrungen nicht in Betracht ziehen, können sie keine Gegenmaßnahmen ergreifen wie etwa das Einbeziehen eines neutralen Dritten, das Verwenden strukturierter Bewertungskriterien oder das kritische Hinterfragen der eigenen Präferenzen. Stattdessen verhärten sich die Fronten, weil jeder die Position des anderen als irrational abtut und die eigene als objektiv verteidigt. Diese gegenseitige Beschuldigung der Voreingenommenheit – während man sich selbst für unvoreingenommen hält – ist ein häufiger Katalysator für Konflikte in Teams, Beziehungen und gesellschaftlichen Debatten.